Die ersten eigenen Fangbuch-Einträge
Als ich angefangen habe, meine Fänge konsequent zu dokumentieren, war ich am Steinhuder Meer unterwegs, einem der wenigen wirklich frei zugänglichen großen Gewässer in der Region. Ich hab jeden Fisch ins Fangbuch eingetragen — Art, Länge, und beim Gewicht hab ich einfach geschätzt, nach Augenmaß. Wiegen fand ich am Anfang unnötig aufwendig, ich dachte, mit etwas Erfahrung sieht man einem Fisch sein Gewicht schon halbwegs an.
Der Moment, in dem mir die Abweichung aufgefallen ist
Erst später, als ich ein paar Fänge tatsächlich gewogen habe, um zu vergleichen, ist mir aufgefallen, wie sehr meine früheren Schätzungen daneben gelegen haben — bei manchen Fischen mehr als 30 Prozent vom tatsächlichen Gewicht entfernt. Das war für mich überraschend, weil ich mich beim Schätzen jedes Mal sicher gefühlt hatte. Kein einziger Fisch hat sich beim Schätzen „unsicher“ angefühlt, und trotzdem lag ich bei einigen weit daneben.
Wie ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, das zu vergleichen
Auf die Idee, überhaupt zu vergleichen, bin ich eher zufällig gekommen: Ich hatte mir eine kleine Waage zugelegt, ursprünglich aus einem ganz anderen Grund, und irgendwann angefangen, damit auch Fänge zu wiegen, die ich vorher immer nur geschätzt hätte. Erst als ich die gewogenen Werte neben meine alten geschätzten Einträge im Fangbuch gehalten habe, ist mir die Diskrepanz überhaupt aufgefallen. Ohne diesen zufälligen Vergleich hätte ich vermutlich noch lange weiter geschätzt, ohne je zu merken, wie ungenau das war.
Warum das Auge beim Gewicht so leicht täuscht
Der Grund liegt darin, dass Gewicht nicht linear mit dem wächst, was man am ehesten wahrnimmt, nämlich der Länge — es wächst ungefähr mit der dritten Potenz der Länge, und zusätzlich unterscheidet sich der Körperbau je nach Art erheblich. Ein Fisch mit hohem Rücken wiegt bei gleicher Länge spürbar mehr als ein schlanker. Beim bloßen Hinsehen nimmt man vor allem die Länge wahr und schätzt das Gewicht dann grob proportional dazu — genau der Punkt, an dem die Schätzung systematisch danebenliegt, nicht nur zufällig mal hier, mal da.
| Art | rechnerisches Gewicht bei 45 cm |
|---|---|
| Schleie | 1,4 kg |
| Karpfen | 1,2 kg |
| Hecht | 1 kg |
| Zander | 0,9 kg |
Gerechnet mit derselben Korpulenzformel wie im Gewichtsrechner. Der Unterschied kommt allein aus dem Körperbau der Art (dem K-Faktor) — bei gleicher Länge wiegt ein hochrückiger Fisch spürbar mehr als ein schlanker.
Was mir am meisten zu denken gegeben hat
Am meisten zu denken gegeben hat mir dabei nicht die einzelne falsche Zahl, sondern wie konsequent ich mich beim Schätzen immer in dieselbe Richtung geirrt habe — nie zufällig mal zu hoch, mal zu niedrig, sondern erkennbar systematisch. Das hat mir gezeigt, dass es kein Zufallsfehler war, den man mit etwas mehr Übung von allein wegbekommt, sondern eine echte blinde Stelle in der eigenen Einschätzung, die auch mit jahrelanger Erfahrung am Wasser nicht von selbst verschwindet.
Warum das fürs Fangbuch mehr als eine Formsache ist
Am Anfang dachte ich, eine ungefähre Zahl reicht fürs eigene Fangbuch völlig aus — es ist ja nur für mich. Als ich dann angefangen habe, meine Fänge über die Saison auszuwerten, um zu sehen, an welchen Tagen und unter welchen Bedingungen ich erfolgreicher war, sind mir die geschätzten Gewichte regelrecht auf die Füße gefallen: Sie haben die Auswertung verzerrt, ohne dass ich es beim Eintragen gemerkt hätte. Eine geschätzte Zahl sieht im Fangbuch genauso seriös aus wie eine gewogene — der Unterschied wird erst sichtbar, wenn man sie später mit echten Werten vergleicht.
Warum mir das erst beim Auswerten und nicht beim Fangen aufgefallen ist
Das Tückische an einer geschätzten Zahl ist, dass sie sich im Moment des Eintragens völlig unauffällig anfühlt. Man steht am Wasser, hat den Fisch in der Hand, schätzt eine plausible Zahl, trägt sie ein und macht weiter. Nichts an diesem Moment sagt einem, dass die Zahl falsch ist — sie fühlt sich genauso sicher an wie jede andere Angabe im Fangbuch. Erst wenn man später mit den Daten arbeitet, wenn man Durchschnittsgewichte vergleicht oder eine Saison gegen eine andere hält, wird eine falsche Einzelzahl zum Problem, weil sie sich unbemerkt in eine größere Rechnung einschleicht.
Aus der Praxis
Was ich seitdem anders mache
Ich wiege inzwischen jeden Fisch, den ich dokumentieren will, tatsächlich — eine kleine Kofferwaage kostet wenig und liegt bei mir mittlerweile immer in der Ausrüstung. Wo das mal nicht möglich ist, trage ich die Länge ein und lasse das Gewicht offen oder als Schätzung markiert, statt eine unsichere Zahl unmarkiert als Fakt stehen zu lassen. Der Unterschied zwischen „gewogen“ und „geschätzt“ ist für mich seitdem keine Kleinigkeit mehr, sondern der Unterschied zwischen einem Fangbuch, dem ich später vertrauen kann, und einem, das mich in die Irre führt. Am Steinhuder Meer nehme ich seitdem grundsätzlich die Waage mit ans Wasser, auch wenn ich eigentlich nur „mal kurz“ raus will — genau an den Tagen, an denen ich sie vorher am ehesten zu Hause gelassen habe, ist mir im Nachhinein aufgefallen, dass die interessantesten Fänge dabei waren.
Persönliche Erfahrung mit der eigenen Fangdokumentation — wie stark eine Schätzung abweicht, hängt von Übung und Art ab, verschwindet aber nie ganz.